Auf Klavierfahrt

Wir wohnen in einem kleinen Dorf auf der Schwäbischen Alb. Wie jeden Mittwochnachmittag setzen mein Vater und ich uns ins Auto. Er bringt mich zum Klavierunterricht in die nächste Stadt unten im Tal. Etwa eine halbe Stunde dauert die gemeinsame Fahrt. Da wir zu Hause fünf Geschwister sind, genieße ich es total, meinen Papa jetzt „nur für mich“ zu haben.

Mein Vater wartet geduldig, während ich mich im Klavier spielen übe. Nach einer dreiviertel Stunde machen wir uns auf den Rückweg. Ich staune immer wieder, wie mein Vater diese Fahrerei trotz seiner vielen beruflichen Termine organisiert. Für mich heißt das, ich bin ihm wichtig.

Vater: *1931, Pfarrer
Tochter: *1956, Sozialpädagogin
Jahr der Szene: 1970/71

Stadtbesichtigung der besonderen Art

Als 16-jähriger Teenager fahre ich seit langem Mal wieder mit meinem Vater nach Russland Verwandte besuchen.

Vater zeigt mir die Sehenswürdigkeiten seiner Stadt und ermuntert mich die ganzen Spots mit meiner mitgebrachten Kamera zu filmen. Ich habe keine Lust dazu und finde die Besichtigungstour mega langweilig.

Während der Tour läuft uns ein betrunkener Typ über den Weg, der uns mit einer lustigen aber absurden Geschichte in ein Gespräch verwickeln möchte. Endlich habe ich etwas Interessantes zum Filmen gefunden. Ich filme den Betrunkenen und folge seinen komischen Bewegungen mit der Kamera. Vater versucht das Interesse mit mir zu teilen, findet die Situation aber eher peinlich und ist genervt.

Er will der unangenehmen Situation ausweichen und zieht mich schnellen Schrittes zurück zu unserem Auto. Der Betrunkene findet uns, streckt den Kopf zum offenen Autofenster rein und redet immer weiter. Mein Vater fährt nun ganz langsam und vorsichtig los. Gebannt halte ich die Kamera auf den Mann und filme immer weiter. Vorsichtig beschleunigt mein Vater, so dass der Mann uns schließlich ziehen lassen muss.

Ich habe meinen Film im Kasten!

Vater: *1956, Jurist
Sohn: *1985, Regisseur
Jahr der Szene: ca. 2003

Opas Holzwerkstatt

Als kleiner Junge verbringe ich viel Zeit in der Werkstatt meines Großvaters. Dort gibt es viel zu entdecken – die vielen Werkzeuge, das Holz und die anderen Materialien.

Mein Großvater reicht mir meist ein Stück Holz, das ich bearbeiten kann. Ich darf seine vielen Werkzeuge ausprobieren und selbständig hämmern, schleifen und sägen.

Bei einem Besuch bauen wir zusammen eine Uhr mit funktionierendem Werk. Den Ständer fertigen wir aus einer Holzplatte, die wir aussägen, schleifen und mit einem wetterfesten Lack überziehen. Als Ziffernblatt dient eine alte CD.

Zu meiner Freude steht die Uhr heute noch im Haus meiner Großeltern.

Gerne erinnere ich mich an die Kindheitserlebnisse mit meinem Großvater. Er traute mir immer viel zu. Einmal durfte ich sogar mit der Kettensäge einen Ast absägen.

Großvater: *1927, Forstwirt
Enkel: *1990, Bauplaner
Jahr der Szene: ca. 1996

Der Gewitterstuhl

Gewitter sind immer ein besonderes Ereignis. Wir ziehen dann alle Gerätestecker aus der Stromdose, aus Angst, dass der Blitz einschlägt.

Ich fürchte mich, wenn es blitzt und donnert. Schutz suche ich bei meinem Vater. Wir haben ein festes Ritual: Er sitzt auf dem Schaukelstuhl im Wohnzimmer, ich klettere auf seinen Schoß und kuschele mich an ihn.

Dabei erzählt er mir eine Geschichte und beruhigt mich, dass ich keine Angst zu haben brauche. „Es kann uns hier drinnen nix passieren“.

Bei offener Terrassentür lauschen wir dem niederprasselnden Regen und dem Donnergrollen.

Nach einer Weile finde ich Gewitter gar nicht mehr so beängstigend. Meine Neugierde ist geweckt und ich finde es spannend zusammen mit meinem Vater Gewitter zu beobachten.

Vater: *1946, kaufm. Leiter im Sozialbereich
Tochter: *1982, Pädagogin
Zeitpunkt der Geschichte: 1986/1987

Beim Uhrmacher

Mit zwölf Jahren fuhren mein Vater und ich mit dem Auto zum Uhrmacher. Dort kauft er sich eine neue wertvolle Armbanduhr.

Auf der Heimfahrt zieht er die alte Uhr aus und hält sie mir hin. „Willst Du meine alte Uhr haben“, fragt er. Ich bin nicht sonderlich begeistert. Er fragt nach, was los ist. “Ich möchte keine alte Uhr haben. Warum bekomme ich keine neue Uhr?“, erwidere ich meinem Vater.

Wortlos dreht mein Vater an der nächsten Kreuzung mit dem Auto um und fährt zurück zum Uhrmacher. Dort darf ich mir meine eigene neue Uhr aussuchen.

Ich wähle eine kleine Uhr, auch eine Tissot, wie die meines Vaters. Sie hat am Rand ein Drehrad, mit dem eine weitere Zeit eingestellt werden kann. Das schwarze Ziffernblatt schillert magisch im Sonnenlicht.

Vater: *1917, Dolmetscher und Übersetzer
Sohn: *1958, Sprach- und Kulturvermittler
Jahr der Szene: ca. 1970

Raus aus dem Alltag

Elegant gleite ich über das Eis. Das Knirschen der Kufen wird begleitet von lauter Musik, die aus großen Lautsprechern zu mir herüber schallt. Die Scheinwerfer leuchten hell.

Gemeinsam mit meinem Vater und meinem jüngeren Bruder drehe ich Runde um Runde auf der Eisfläche. Für mich ist das alles ziemlich aufregend. Die geliehenen Schuhe sind unbequem und es herrscht klirrende Kälte, dennoch fühle ich mich gut. Ich fühle mich frei.

Sonntags arbeitet meine Mutter oft in einem Restaurant, so auch heute. Mein Vater übernimmt dann die Tagesplanung. Im Winter steht Eislaufen hoch im Kurs. Er hat es mir beigebracht.

Vater: *1946, Techniker
Tochter: *1975, Erzieherin
Jahr der Szene: 1985

Kurzes Rollschuhvergnügen

Meine ältere Schwester und ich lieben es, Rollschuh zu laufen. Wie jetzt gerade sind wir meistens direkt vor unserer Haustür unterwegs, wo mitten in der Stadt eine verkehrsberuhigte Zone ist. Beide sind wir schon ziemlich geübt.

Dies scheint unser Vater bemerkt zu haben. Er kommt gerade von der Arbeit nach Hause und fordert ein Paar Rollschuhe ein. Nun möchte auch er sein Können unter Beweis stellen. Die rollenden Sohlen lassen sich flexibel an die Schuhe schnallen und schon geht es los.

Doch kaum hat die Fahrt begonnen, liegt unser Vater waagrecht in der Luft. Schmerzhaft fällt er – ein groß gewachsener Mann – auf den Rücken. Wir Kinder müssen lachen. Er versucht es nie wieder.

Vater: *1938, Fabrikarbeiter
Tochter: *1970, Einzelhandelskauffrau
Jahr der Szene: 1978