Opas goldene Taschenuhr

Gerne verbringe ich die Urlaube bei meinen Großeltern. Dort habe ich einen Spielfreund, mit dem ich viel draußen in einem verwilderten Park spiele und die Gegend erkunde.

Meine Oma legt viel Wert darauf, dass ich immer pünktlich zum Mittagessen zurück komme. Da ich beim Spielen die Zeit vergesse und häufig zu spät zum Essen erscheine, bekomme ich die alte goldene Taschenuhr, die mein Großvater von seinem Großvater erbte, überreicht.

Sorgfältig verstaue ich die große Uhr ganz tief in meiner Hosentasche. Dann stromere ich mit meinem Freund los. Auf dem Weg klettern wir durch einen hohlen Baumstamm und kriechen durchs Unterholz.

„Oh Schreck! Die Uhr ist weg!“ Ich fasse in die Hosentasche, um nach der Uhrzeit zu schauen und stelle fest, dass diese leer ist. „Wo habe ich nur die Uhr verloren? Sie war doch ganz tief unten in der Hosentasche!“

Ich traue mich nicht nach Hause. Denn ich habe große Angst vor der Reaktion meines Großvaters. Schließlich stehe ich weinend in der Haustür und beichte was passiert ist. Mein Opa nimmt mich verständnisvoll in den Arm und tröstet mich.

Nach dem Mittagessen machen wir uns gemeinsam auf die Suche nach der Uhr. Mein 60-jähriger Opa und ich kriechen gemeinsam durch das Unterholz und suchen das Erbstück. Leider können wir es nicht finden. Wir trauern gemeinsam um den Verlust der alten Uhr.

Obwohl die Suche erfolglos blieb, war dieses Erlebnis ein wertvoller Moment für mich. Es war schön zu erleben, dass ich meinem Großvater wichtiger bin, als die Uhr.

Großvater: *1923, Agrarökonom
Enkeltochter: *1979, Forscherin an der Universität
Jahr der Szene: ca. 1986

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Ein ganz besonderes Buch

Von meinem Vater bekomme ich zum Geburtstag ein Buch mit Tiergeschichten geschenkt. Für mich ist dieses Buch etwas ganz besonderes, weil es von meinem Vater ist. Immer wieder nehme ich es zur Hand und lese darin. Besonders eine Geschichte lese ich immer wieder. Sie heißt „Der Hase im Ried“. Dabei geht es um einen Hasen dem trotz Warnungen im Riedgras Leid geschieht. Die Essenz der Geschichte lautet so ähnlich wie „aus Schaden wird man klug“.

Ich habe nicht mehr viele Erinnerungen an meinen Vater. Er hat sich von meiner Mutter getrennt als ich erst fünf Jahre alt war. Aber ich habe dieses besondere Buch sehr geliebt. Leider ist es im Laufe der Zeit verloren gegangen. Alle Versuche, es in einem Antiquariat noch einmal zu finden, blieben bis heute leider erfolglos.

Vater: *1907 Friseur
Sohn: *1948 Lehrer und Erzieher
Jahr der Szene: ca. 1953

Am Karpfenteich

Mein Vater und ich fahren mal wieder zu meinem Onkel. Der wohnt außerhalb des Dorfes in einer alten Mühle. Dort gibt es immer viel zu entdecken. Heute haben wir die Angel eingepackt. Wir wollen einen Karpfen im Weiher fangen.

Wir haben vorher schon ein paar Regenwürmer als Köder unter Steinen gesammelt. Mein Vater befestigt einen Wurm am Angelhaken, holt aus und wirft die Schnur ganz weit hinaus auf den Weiher. Aufgeregt hüpfe ich am Rand des Weihers hin und her. Mein Vater sagt: „Setz‘ dich ruhig hin, sonst beißen die Fische nicht!“ Es fällt mir schwer, aber ich sitze still neben meinem Vater, starre auf den Schwimmer der Angel und warte ab, was geschieht.

Da! Nach einer gefühlten Ewigkeit bewegt sich der Schwimmer, ein Fisch scheint angebissen zu haben! Immer noch wartet mein Vater bis die Bewegung des Schwimmers heftiger wird und der Fisch fest am Haken zieht. Endlich rollt er die Angelschnur auf, zieht den zappelnden, sich wehrenden Fisch aus dem Wasser.

„Ja, der ist groß genug, den nehmen wir mit nach Hause und braten ihn in der Pfanne“, kommentiert mein Vater unsere Beute.

Zu Hause angekommen, wird der Karpfen gebraten. Mein Vater gibt mir kleine Fischstückchen, die er sorgfältig von Gräten befreit hat auf den Teller und wir verspeisen gemeinsam den Fang.

Vater *1934 Metzger
Sohn *1973 Erzieher und Journalist
Jahr der Szene: ca. 1981

Kein Anglerglück am Tiefensee

Mein Vater fährt häufig mit meinem älteren Bruder und mir raus zum Angeln. Bei einem dieser Ausflüge fahren wir zum Tiefensee.

Hier ist der Anglersteg nur über einen schmalen Baumstamm zu erreichen. Mein Papa packt die Angel und geht voran. Balancierend erreicht er die Hälfte der Strecke. Der Baumstamm wackelt und schwankt immer bedrohlicher. Papa rudert hektisch mit den Armen und schnaubt immer heftiger. Dann fällt er mit einem lauten „Platsch“ ins Wasser. Ich stehe am Ufer des Sees und beobachte alles.

Klatschnass watet er zurück zum Ufer des Sees und trocknet sich ab. An diesem Tag fahren wir ohne einen Fang nach Hause.

Vater: * 1941, stellv. Betriebsleiter in der Energieversorgung
Tochter: * 1977, Regionalmanagerin
Jahr der Szene: ca. 1982

Vaters unfreiwilliger Schanzensprung

Mein Cousin und ich spielen in der Gärtnerei meiner Eltern. Wir schleppen einen riesigen Backstein auf den asphaltierten Weg zwischen den Beeten. Darauf legen wir ein großes Brett. Was für eine tolle Sprungschanze! Wir springen mit den Fahrrädern darüber.

„Ihr räumt das aber alles wieder ordentlich weg, wenn ihr fertig seid“, sagt mein Vater. „Ja!“, schwören wir feierlich.
Müde vom Toben lassen wir am Abend natürlich alles stehen und liegen. „Können wir ja morgen noch wegräumen“, so unser Gedanke.

In der Nacht geht die Feuerwehrsirene. Mein Vater, freiwilliger Feuerwehrmann, schwingt sich auf sein Moped und will zur Wache fahren. Im Dunkeln sieht er unsere Schanze nicht, fährt drüber und stürzt mit dem Moped in die Blumenbeete.

Am nächsten Tag mussten wir uns eine ordentliche Standpauke anhören!

Diese Geschichte ist heute noch Thema diverser Familienfeiern.

Vater: *1949, Gärtner
Tochter: *1975, Sozialpädagogin
Jahr der Szene: ca. 1982

Der leere Kochtopf

Meine Stiefmutter und ich streiten uns fast den ganzen Tag und ich ziehe mich schmollend zurück.

Am Abend ruft mich mein Vater zu Tisch. Ich bin sauer wegen des Streits und will nicht zum Abendessen gehen. Ich wünsche mir, dass mein Vater sich Zeit nimmt und mit mir alleine spricht. Doch mein Hunger ist groß und das Essen verbreitet einen leckeren Duft. Mir läuft das Wasser im Munde zusammen.

Aber mit meinen 13 Jahren bleibe ich stur und trotzig dem Abendessen fern.

Mein Plan ist es zu warten, bis die Eltern schlafen, dann in die Küche zu schleichen und heimlich die Reste zu essen.

Aber es dauert und dauert. Meine Eltern gehen nicht wie üblich um zehn Uhr ins Bett. Es wird immer später und mein Hunger immer größer.

Um zwölf Uhr in der Nacht liegen sie endlich im Bett und schlafen. Ich schleiche in die Küche. Dort steht noch der fast warme Topf auf dem Herd. Gespannt und hungrig hebe ich den Deckel. Der Topf ist leer! Nur warmes Wasser und ein paar Steine befinden sich darin.

Ich gehe hungrig zu Bett.

Am nächsten Tag sprechen mein Vater und ich uns aus. Ich entschuldige mich bei ihm für mein stures Verhalten. Er entschuldigt sich bei mir, dass ich hungrig ins Bett gehen musste.

Aus dieser Geschichte habe ich gelernt, Dinge gleich anzusprechen, und nicht den ganzen Tag zu schmollen oder Theater zu spielen.

Vater: *1919, Berufssoldat
Sohn: *1955, Künstler und Dolmetscher
Jahr der Szene: ca. 1968

Tischgeschichten

„Hihihi, haha, hihi!“ Meine ältere Schwester und ich kringeln uns vor Lachen. Papa hat den Waschbären mal wieder zum Clown verwandelt. Wir lieben es, wenn er den kleinen Kinderzimmertisch auf die Seite kippt.

Neben Kasper gibt es den Waschbären, den Vogel und viele andere Kuscheltiere, die unser Vater mit seiner Phantasie zum Leben erweckt. So entstehen immer wieder spannende Abenteuer und lustige Alltagsgeschichten. Wir können diese selbst mitgestalten, indem wir einfach etwas reinrufen oder neue Kuscheltiere hinter die „Bühne“ werfen – so ein Spaß!

Vater: *1959, freier Künstler
Tochter: *1990, Masterstudium Psychologie
Jahr der Szene: 1996