Ackerträume

Gemeinsam sitzen wir im Gras. Die Sonne scheint uns ins Gesicht und wir lassen unseren Gedanken freien Lauf. Wir träumen von einem kleinen Gartenhäuschen, das wir uns zusammenzimmern, ganz so, wie es uns gefällt. Witzige Ideen und verspielte Details ergeben immer wieder neue, wundersame Bilder.

Wenn Papa auf den Acker geht, bin ich meistens dabei. Das Stück Land liegt nicht weit von unserem Haus am Stadtrand. Ich helfe graben, pflanzen, gießen – eben bei allem, was es zu tun gibt. Abends beobachten wir oft Hasen und Rehe, auch unsere zwei Katzen lassen sich immer wieder blicken. Das ist unsere kleine Welt, hier fühle ich mich frei und geborgen.

Vater: *1964, selbstständiger Versicherungs- und Immobilienmakler
Tochter: *1990, Barista
Jahr der Szene: 1998

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Ein Funke Zweisamzeit

Den Blick zum Boden gerichtet mühe ich mich, den Schritten meines Vaters folgend den Berg hinauf. Da war er wieder, ausgelöst durch den Schlag eines Nagels am Fels. Einer der Nägel, welche die Sohlen und die schweren Bergschuhe meines Vaters zusammenhielten.

Zufall? Absicht? Ein Funke!

Der Leidenschaft meines Vaters war es zu verdanken, dass Bergwandern zum unvermeidbaren Programm unserer Familie gehörte. Trotz meiner Muskelschwäche muss ich mehr als meine Schwester leisten.

Für Vater ist Bergwandern eine gute Basis für den Militärdienst. Für mich – Überforderung. Das Soldatsein, eher widerlich, von Angst und Sorge besetzt.

Später – Zum Militär berufen. Bei der Auswahl der Bergschuhe gibt es Schuhwerk mit genagelten Sohlen. Als einziger entscheide ich mich für dieses schwere Material.

Vater: *1916, Arzt
Sohn: *1951, Theologe/Organisationsberater
Zeitpunkt der Geschichte: 1966

Das Familienmotorrad

Wir sind in den Bergen. Hier oben haben wir ein Grundstück, wo Kirschen, Trauben und Äpfel wachsen. Für uns Kinder gibt es jede Menge zu entdecken. Nun ist es schon spät und wir müssen los. Mein Vater steigt als erster aufs Motorrad, dann meine Mutter, seitlich sitzend, dahinter meine zwei jüngeren Brüder und ich ganz hinten auf dem Gepäckträger. So sind wir auch herauf gekommen, denn zu Fuß wäre die Strecke sehr weit. Auf dem steilen, steinigen Weg fährt mein Vater sehr vorsichtig und langsam.

Doch plötzlich versagen die Bremsen der schon alten Maschine und wir sausen immer schneller ins Tal. Uns allen stockt der Atem. Papa klammert den Lenker fest. Die Schrecksekunden werden zu Minuten. Endlich kommen wir unten an und die Erleichterung ist groß. Jetzt, wo die Anspannung sich löst, springen wir von unserem gefährlichen Transportmittel und alle müssen laut lachen.

Im Tal angekommen gehen wir nun doch zu Fuß weiter. Mein Vater schiebt das Motorrad, um weitere Gefahren auszuschließen. Zwei lange Stunden sind wir unterwegs. Als wir zu Hause ankommen, ist die Sonne schon lange hinter den syrischen Bergen verschwunden.

Vater: *1943
Tochter: *1980
Jahr der Szene: 1991

Die Wiedergeburt der Kartoffel

Mein Vater trägt einen großen Eimer voller Kartoffeln. Er kommt direkt auf meinen Bruder und mich zu. Wir denken zuerst, wir sollen die Kartoffeln schälen. Aber er möchte uns zeigen, wie Kartoffeln angebaut werden. Gemeinsam gehen wir zum Feld.

Dort schneidet mein Vater eine Kartoffel in der Mitte durch. Wir Kinder erschrecken, wir glauben, die Kartoffel ist nun gestorben. Unser Vater erklärt, die Kartoffel sei nicht tot, sie werde nun wiedergeboren: „Eine Kartoffel hat viele Augen. Jedes Auge ist eine Wurzel.“ Er vergräbt die Kartoffelhälften in der Erde. Immer noch zweifelnd helfen wir ihm bei der Aussaat.

Von nun an laufe ich fast täglich zum Feld. Etwa vier bis fünf Monate später bin ich endgültig überzeugt. Durch die Ernte wird das ganze Jahr zur Kartoffel-Party!

Vater: *1941
Sohn: *1979
Jahr der Szene: 1988

Heimwerken will gelernt sein

Puh, das Pumpen ist ganz schön anstrengend. Noch zwei Mal drücke ich die Luft durch das Ventil. Jetzt habe ich es geschafft. Vorsichtig lege ich die Luftpumpe wieder zurück auf ihren Platz.

Mein Vater überprüft den Reifendruck und nickt zufrieden. Gerade hat er mir gezeigt, wie ich einen platten Fahrradreifen reparieren kann.

Meine Eltern stammen aus der Türkei. Für mich und meine Schwestern ist es etwas Besonderes, dass unser Vater uns den Umgang mit verschiedensten Werkzeugen zeigt und uns Mädchen diese selbst ausprobieren lässt. Danke, Baba!

Vater: *1955, Fabrikarbeiter
Tochter: *1984, Betriebswirtin
Jahr der Szene: 1993

Nach der Schule

Gerade komme ich von der Schule nach Hause. Mir bleibt wenig Zeit. Ich soll meinem Vater im Restaurant helfen. Dort gibt es immer viel zu tun. Ich bereite Tee und Kaffee zu oder wasche Geschirr ab.

Mein Vater ist Geschäftsmann und ehemaliger Soldat. Er ist sehr streng mit mir und meinen zehn Geschwistern. Ihm bedeutet die Familie sehr viel. Er möchte uns allen einen guten Bildungsweg ermöglichen.

Nun bin ich schon seit 12 Jahren in Deutschland und selbst Vater. Wenn ich auf meine Jugend in Sri Lanka zurückblicke, bin ich stolz auf meinen Vater.

Vater: *1922, Soldat und Geschäftsmann
Sohn: *1969, Kellner in einem Hotel
Jahr der Szene: 1982

Opas goldene Taschenuhr

Gerne verbringe ich die Urlaube bei meinen Großeltern. Dort habe ich einen Spielfreund, mit dem ich viel draußen in einem verwilderten Park spiele und die Gegend erkunde.

Meine Oma legt viel Wert darauf, dass ich immer pünktlich zum Mittagessen zurück komme. Da ich beim Spielen die Zeit vergesse und häufig zu spät zum Essen erscheine, bekomme ich die alte goldene Taschenuhr, die mein Großvater von seinem Großvater erbte, überreicht.

Sorgfältig verstaue ich die große Uhr ganz tief in meiner Hosentasche. Dann stromere ich mit meinem Freund los. Auf dem Weg klettern wir durch einen hohlen Baumstamm und kriechen durchs Unterholz.

„Oh Schreck! Die Uhr ist weg!“ Ich fasse in die Hosentasche, um nach der Uhrzeit zu schauen und stelle fest, dass diese leer ist. „Wo habe ich nur die Uhr verloren? Sie war doch ganz tief unten in der Hosentasche!“

Ich traue mich nicht nach Hause. Denn ich habe große Angst vor der Reaktion meines Großvaters. Schließlich stehe ich weinend in der Haustür und beichte was passiert ist. Mein Opa nimmt mich verständnisvoll in den Arm und tröstet mich.

Nach dem Mittagessen machen wir uns gemeinsam auf die Suche nach der Uhr. Mein 60-jähriger Opa und ich kriechen gemeinsam durch das Unterholz und suchen das Erbstück. Leider können wir es nicht finden. Wir trauern gemeinsam um den Verlust der alten Uhr.

Obwohl die Suche erfolglos blieb, war dieses Erlebnis ein wertvoller Moment für mich. Es war schön zu erleben, dass ich meinem Großvater wichtiger bin, als die Uhr.

Großvater: *1923, Agrarökonom
Enkeltochter: *1979, Forscherin an der Universität
Jahr der Szene: ca. 1986