Archiv der Kategorie: Vätergeschichten

Mein Opa, ein Zauberer!

Fast jedes Sommerwochenende verbringe ich mit meinen Großeltern im Schrebergarten. Unser Häuschen war das einzige mit einem Schornstein auf dem Dach und ich konnte es immer schon aus weiter Ferne sehen. Ein toller Garten mit Omas Beeten, Opas Schuppen, einem Sandkasten und einer Schaukel für mich.

Vom wilden Spielen im Garten hatte ich oft zwischendurch einen Bärenhunger. Opa fragte mich, was ich jetzt am liebsten Essen wolle. „Eine leckere frische Schrippe!“ war mein größter Wunsch in diesem Moment. „Guck mal, was ich hier habe!“ Opa nahm seine Hand von seinem Rücken und hatte tatsächlich eine Schrippe darin. Mein Opa, mein Zauberer! Einen Bäcker gab es weit und breit nicht.

Bis heute ist es für mich ein Rätsel wie die Schrippen immer just im Moment meines Heißhungers hinter seinem Rücken auftauchen konnten.

 

Großvater *1938, Fabrikarbeiter
Enkeltochter *1990, Erzieherin
Zeitpunkt der Geschichte 1995

Ackerträume

Gemeinsam sitzen wir im Gras. Die Sonne scheint uns ins Gesicht und wir lassen unseren Gedanken freien Lauf. Wir träumen von einem kleinen Gartenhäuschen, das wir uns zusammenzimmern, ganz so, wie es uns gefällt. Witzige Ideen und verspielte Details ergeben immer wieder neue, wundersame Bilder.

Wenn Papa auf den Acker geht, bin ich meistens dabei. Das Stück Land liegt nicht weit von unserem Haus am Stadtrand. Ich helfe graben, pflanzen, gießen – eben bei allem, was es zu tun gibt. Abends beobachten wir oft Hasen und Rehe, auch unsere zwei Katzen lassen sich immer wieder blicken. Das ist unsere kleine Welt, hier fühle ich mich frei und geborgen.

Vater: *1964, selbstständiger Versicherungs- und Immobilienmakler
Tochter: *1990, Barista
Jahr der Szene: 1998

Ein Funke Zweisamzeit

Den Blick zum Boden gerichtet mühe ich mich, den Schritten meines Vaters folgend den Berg hinauf. Da war er wieder, ausgelöst durch den Schlag eines Nagels am Fels. Einer der Nägel, welche die Sohlen und die schweren Bergschuhe meines Vaters zusammenhielten.

Zufall? Absicht? Ein Funke!

Der Leidenschaft meines Vaters war es zu verdanken, dass Bergwandern zum unvermeidbaren Programm unserer Familie gehörte. Trotz meiner Muskelschwäche muss ich mehr als meine Schwester leisten.

Für Vater ist Bergwandern eine gute Basis für den Militärdienst. Für mich – Überforderung. Das Soldatsein, eher widerlich, von Angst und Sorge besetzt.

Später – Zum Militär berufen. Bei der Auswahl der Bergschuhe gibt es Schuhwerk mit genagelten Sohlen. Als einziger entscheide ich mich für dieses schwere Material.

Vater: *1916, Arzt
Sohn: *1951, Theologe/Organisationsberater
Zeitpunkt der Geschichte: 1966

Das Familienmotorrad

Wir sind in den Bergen. Hier oben haben wir ein Grundstück, wo Kirschen, Trauben und Äpfel wachsen. Für uns Kinder gibt es jede Menge zu entdecken. Nun ist es schon spät und wir müssen los. Mein Vater steigt als erster aufs Motorrad, dann meine Mutter, seitlich sitzend, dahinter meine zwei jüngeren Brüder und ich ganz hinten auf dem Gepäckträger. So sind wir auch herauf gekommen, denn zu Fuß wäre die Strecke sehr weit. Auf dem steilen, steinigen Weg fährt mein Vater sehr vorsichtig und langsam.

Doch plötzlich versagen die Bremsen der schon alten Maschine und wir sausen immer schneller ins Tal. Uns allen stockt der Atem. Papa klammert den Lenker fest. Die Schrecksekunden werden zu Minuten. Endlich kommen wir unten an und die Erleichterung ist groß. Jetzt, wo die Anspannung sich löst, springen wir von unserem gefährlichen Transportmittel und alle müssen laut lachen.

Im Tal angekommen gehen wir nun doch zu Fuß weiter. Mein Vater schiebt das Motorrad, um weitere Gefahren auszuschließen. Zwei lange Stunden sind wir unterwegs. Als wir zu Hause ankommen, ist die Sonne schon lange hinter den syrischen Bergen verschwunden.

Vater: *1943
Tochter: *1980
Jahr der Szene: 1991

Die Wiedergeburt der Kartoffel

Mein Vater trägt einen großen Eimer voller Kartoffeln. Er kommt direkt auf meinen Bruder und mich zu. Wir denken zuerst, wir sollen die Kartoffeln schälen. Aber er möchte uns zeigen, wie Kartoffeln angebaut werden. Gemeinsam gehen wir zum Feld.

Dort schneidet mein Vater eine Kartoffel in der Mitte durch. Wir Kinder erschrecken, wir glauben, die Kartoffel ist nun gestorben. Unser Vater erklärt, die Kartoffel sei nicht tot, sie werde nun wiedergeboren: „Eine Kartoffel hat viele Augen. Jedes Auge ist eine Wurzel.“ Er vergräbt die Kartoffelhälften in der Erde. Immer noch zweifelnd helfen wir ihm bei der Aussaat.

Von nun an laufe ich fast täglich zum Feld. Etwa vier bis fünf Monate später bin ich endgültig überzeugt. Durch die Ernte wird das ganze Jahr zur Kartoffel-Party!

Vater: *1941
Sohn: *1979
Jahr der Szene: 1988

Heimwerken will gelernt sein

Puh, das Pumpen ist ganz schön anstrengend. Noch zwei Mal drücke ich die Luft durch das Ventil. Jetzt habe ich es geschafft. Vorsichtig lege ich die Luftpumpe wieder zurück auf ihren Platz.

Mein Vater überprüft den Reifendruck und nickt zufrieden. Gerade hat er mir gezeigt, wie ich einen platten Fahrradreifen reparieren kann.

Meine Eltern stammen aus der Türkei. Für mich und meine Schwestern ist es etwas Besonderes, dass unser Vater uns den Umgang mit verschiedensten Werkzeugen zeigt und uns Mädchen diese selbst ausprobieren lässt. Danke, Baba!

Vater: *1955, Fabrikarbeiter
Tochter: *1984, Betriebswirtin
Jahr der Szene: 1993

Nach der Schule

Gerade komme ich von der Schule nach Hause. Mir bleibt wenig Zeit. Ich soll meinem Vater im Restaurant helfen. Dort gibt es immer viel zu tun. Ich bereite Tee und Kaffee zu oder wasche Geschirr ab.

Mein Vater ist Geschäftsmann und ehemaliger Soldat. Er ist sehr streng mit mir und meinen zehn Geschwistern. Ihm bedeutet die Familie sehr viel. Er möchte uns allen einen guten Bildungsweg ermöglichen.

Nun bin ich schon seit 12 Jahren in Deutschland und selbst Vater. Wenn ich auf meine Jugend in Sri Lanka zurückblicke, bin ich stolz auf meinen Vater.

Vater: *1922, Soldat und Geschäftsmann
Sohn: *1969, Kellner in einem Hotel
Jahr der Szene: 1982

Opas goldene Taschenuhr

Gerne verbringe ich die Urlaube bei meinen Großeltern. Dort habe ich einen Spielfreund, mit dem ich viel draußen in einem verwilderten Park spiele und die Gegend erkunde.

Meine Oma legt viel Wert darauf, dass ich immer pünktlich zum Mittagessen zurück komme. Da ich beim Spielen die Zeit vergesse und häufig zu spät zum Essen erscheine, bekomme ich die alte goldene Taschenuhr, die mein Großvater von seinem Großvater erbte, überreicht.

Sorgfältig verstaue ich die große Uhr ganz tief in meiner Hosentasche. Dann stromere ich mit meinem Freund los. Auf dem Weg klettern wir durch einen hohlen Baumstamm und kriechen durchs Unterholz.

„Oh Schreck! Die Uhr ist weg!“ Ich fasse in die Hosentasche, um nach der Uhrzeit zu schauen und stelle fest, dass diese leer ist. „Wo habe ich nur die Uhr verloren? Sie war doch ganz tief unten in der Hosentasche!“

Ich traue mich nicht nach Hause. Denn ich habe große Angst vor der Reaktion meines Großvaters. Schließlich stehe ich weinend in der Haustür und beichte was passiert ist. Mein Opa nimmt mich verständnisvoll in den Arm und tröstet mich.

Nach dem Mittagessen machen wir uns gemeinsam auf die Suche nach der Uhr. Mein 60-jähriger Opa und ich kriechen gemeinsam durch das Unterholz und suchen das Erbstück. Leider können wir es nicht finden. Wir trauern gemeinsam um den Verlust der alten Uhr.

Obwohl die Suche erfolglos blieb, war dieses Erlebnis ein wertvoller Moment für mich. Es war schön zu erleben, dass ich meinem Großvater wichtiger bin, als die Uhr.

Großvater: *1923, Agrarökonom
Enkeltochter: *1979, Forscherin an der Universität
Jahr der Szene: ca. 1986

Ein ganz besonderes Buch

Von meinem Vater bekomme ich zum Geburtstag ein Buch mit Tiergeschichten geschenkt. Für mich ist dieses Buch etwas ganz besonderes, weil es von meinem Vater ist. Immer wieder nehme ich es zur Hand und lese darin. Besonders eine Geschichte lese ich immer wieder. Sie heißt „Der Hase im Ried“. Dabei geht es um einen Hasen dem trotz Warnungen im Riedgras Leid geschieht. Die Essenz der Geschichte lautet so ähnlich wie „aus Schaden wird man klug“.

Ich habe nicht mehr viele Erinnerungen an meinen Vater. Er hat sich von meiner Mutter getrennt als ich erst fünf Jahre alt war. Aber ich habe dieses besondere Buch sehr geliebt. Leider ist es im Laufe der Zeit verloren gegangen. Alle Versuche, es in einem Antiquariat noch einmal zu finden, blieben bis heute leider erfolglos.

Vater: *1907 Friseur
Sohn: *1948 Lehrer und Erzieher
Jahr der Szene: ca. 1953

Am Karpfenteich

Mein Vater und ich fahren mal wieder zu meinem Onkel. Der wohnt außerhalb des Dorfes in einer alten Mühle. Dort gibt es immer viel zu entdecken. Heute haben wir die Angel eingepackt. Wir wollen einen Karpfen im Weiher fangen.

Wir haben vorher schon ein paar Regenwürmer als Köder unter Steinen gesammelt. Mein Vater befestigt einen Wurm am Angelhaken, holt aus und wirft die Schnur ganz weit hinaus auf den Weiher. Aufgeregt hüpfe ich am Rand des Weihers hin und her. Mein Vater sagt: „Setz‘ dich ruhig hin, sonst beißen die Fische nicht!“ Es fällt mir schwer, aber ich sitze still neben meinem Vater, starre auf den Schwimmer der Angel und warte ab, was geschieht.

Da! Nach einer gefühlten Ewigkeit bewegt sich der Schwimmer, ein Fisch scheint angebissen zu haben! Immer noch wartet mein Vater bis die Bewegung des Schwimmers heftiger wird und der Fisch fest am Haken zieht. Endlich rollt er die Angelschnur auf, zieht den zappelnden, sich wehrenden Fisch aus dem Wasser.

„Ja, der ist groß genug, den nehmen wir mit nach Hause und braten ihn in der Pfanne“, kommentiert mein Vater unsere Beute.

Zu Hause angekommen, wird der Karpfen gebraten. Mein Vater gibt mir kleine Fischstückchen, die er sorgfältig von Gräten befreit hat auf den Teller und wir verspeisen gemeinsam den Fang.

Vater *1934 Metzger
Sohn *1973 Erzieher und Journalist
Jahr der Szene: ca. 1981

Kein Anglerglück am Tiefensee

Mein Vater fährt häufig mit meinem älteren Bruder und mir raus zum Angeln. Bei einem dieser Ausflüge fahren wir zum Tiefensee.

Hier ist der Anglersteg nur über einen schmalen Baumstamm zu erreichen. Mein Papa packt die Angel und geht voran. Balancierend erreicht er die Hälfte der Strecke. Der Baumstamm wackelt und schwankt immer bedrohlicher. Papa rudert hektisch mit den Armen und schnaubt immer heftiger. Dann fällt er mit einem lauten „Platsch“ ins Wasser. Ich stehe am Ufer des Sees und beobachte alles.

Klatschnass watet er zurück zum Ufer des Sees und trocknet sich ab. An diesem Tag fahren wir ohne einen Fang nach Hause.

Vater: * 1941, stellv. Betriebsleiter in der Energieversorgung
Tochter: * 1977, Regionalmanagerin
Jahr der Szene: ca. 1982

Vaters unfreiwilliger Schanzensprung

Mein Cousin und ich spielen in der Gärtnerei meiner Eltern. Wir schleppen einen riesigen Backstein auf den asphaltierten Weg zwischen den Beeten. Darauf legen wir ein großes Brett. Was für eine tolle Sprungschanze! Wir springen mit den Fahrrädern darüber.

„Ihr räumt das aber alles wieder ordentlich weg, wenn ihr fertig seid“, sagt mein Vater. „Ja!“, schwören wir feierlich.
Müde vom Toben lassen wir am Abend natürlich alles stehen und liegen. „Können wir ja morgen noch wegräumen“, so unser Gedanke.

In der Nacht geht die Feuerwehrsirene. Mein Vater, freiwilliger Feuerwehrmann, schwingt sich auf sein Moped und will zur Wache fahren. Im Dunkeln sieht er unsere Schanze nicht, fährt drüber und stürzt mit dem Moped in die Blumenbeete.

Am nächsten Tag mussten wir uns eine ordentliche Standpauke anhören!

Diese Geschichte ist heute noch Thema diverser Familienfeiern.

Vater: *1949, Gärtner
Tochter: *1975, Sozialpädagogin
Jahr der Szene: ca. 1982

Der leere Kochtopf

Meine Stiefmutter und ich streiten uns fast den ganzen Tag und ich ziehe mich schmollend zurück.

Am Abend ruft mich mein Vater zu Tisch. Ich bin sauer wegen des Streits und will nicht zum Abendessen gehen. Ich wünsche mir, dass mein Vater sich Zeit nimmt und mit mir alleine spricht. Doch mein Hunger ist groß und das Essen verbreitet einen leckeren Duft. Mir läuft das Wasser im Munde zusammen.

Aber mit meinen 13 Jahren bleibe ich stur und trotzig dem Abendessen fern.

Mein Plan ist es zu warten, bis die Eltern schlafen, dann in die Küche zu schleichen und heimlich die Reste zu essen.

Aber es dauert und dauert. Meine Eltern gehen nicht wie üblich um zehn Uhr ins Bett. Es wird immer später und mein Hunger immer größer.

Um zwölf Uhr in der Nacht liegen sie endlich im Bett und schlafen. Ich schleiche in die Küche. Dort steht noch der fast warme Topf auf dem Herd. Gespannt und hungrig hebe ich den Deckel. Der Topf ist leer! Nur warmes Wasser und ein paar Steine befinden sich darin.

Ich gehe hungrig zu Bett.

Am nächsten Tag sprechen mein Vater und ich uns aus. Ich entschuldige mich bei ihm für mein stures Verhalten. Er entschuldigt sich bei mir, dass ich hungrig ins Bett gehen musste.

Aus dieser Geschichte habe ich gelernt, Dinge gleich anzusprechen, und nicht den ganzen Tag zu schmollen oder Theater zu spielen.

Vater: *1919, Berufssoldat
Sohn: *1955, Künstler und Dolmetscher
Jahr der Szene: ca. 1968

Tischgeschichten

„Hihihi, haha, hihi!“ Meine ältere Schwester und ich kringeln uns vor Lachen. Papa hat den Waschbären mal wieder zum Clown verwandelt. Wir lieben es, wenn er den kleinen Kinderzimmertisch auf die Seite kippt.

Neben Kasper gibt es den Waschbären, den Vogel und viele andere Kuscheltiere, die unser Vater mit seiner Phantasie zum Leben erweckt. So entstehen immer wieder spannende Abenteuer und lustige Alltagsgeschichten. Wir können diese selbst mitgestalten, indem wir einfach etwas reinrufen oder neue Kuscheltiere hinter die „Bühne“ werfen – so ein Spaß!

Vater: *1959, freier Künstler
Tochter: *1990, Masterstudium Psychologie
Jahr der Szene: 1996

Auf Klavierfahrt

Wir wohnen in einem kleinen Dorf auf der Schwäbischen Alb. Wie jeden Mittwochnachmittag setzen mein Vater und ich uns ins Auto. Er bringt mich zum Klavierunterricht in die nächste Stadt unten im Tal. Etwa eine halbe Stunde dauert die gemeinsame Fahrt. Da wir zu Hause fünf Geschwister sind, genieße ich es total, meinen Papa jetzt „nur für mich“ zu haben.

Mein Vater wartet geduldig, während ich mich im Klavier spielen übe. Nach einer dreiviertel Stunde machen wir uns auf den Rückweg. Ich staune immer wieder, wie mein Vater diese Fahrerei trotz seiner vielen beruflichen Termine organisiert. Für mich heißt das, ich bin ihm wichtig.

Vater: *1931, Pfarrer
Tochter: *1956, Sozialpädagogin
Jahr der Szene: 1970/71

Stadtbesichtigung der besonderen Art

Als 16-jähriger Teenager fahre ich seit langem Mal wieder mit meinem Vater nach Russland Verwandte besuchen.

Vater zeigt mir die Sehenswürdigkeiten seiner Stadt und ermuntert mich die ganzen Spots mit meiner mitgebrachten Kamera zu filmen. Ich habe keine Lust dazu und finde die Besichtigungstour mega langweilig.

Während der Tour läuft uns ein betrunkener Typ über den Weg, der uns mit einer lustigen aber absurden Geschichte in ein Gespräch verwickeln möchte. Endlich habe ich etwas Interessantes zum Filmen gefunden. Ich filme den Betrunkenen und folge seinen komischen Bewegungen mit der Kamera. Vater versucht das Interesse mit mir zu teilen, findet die Situation aber eher peinlich und ist genervt.

Er will der unangenehmen Situation ausweichen und zieht mich schnellen Schrittes zurück zu unserem Auto. Der Betrunkene findet uns, streckt den Kopf zum offenen Autofenster rein und redet immer weiter. Mein Vater fährt nun ganz langsam und vorsichtig los. Gebannt halte ich die Kamera auf den Mann und filme immer weiter. Vorsichtig beschleunigt mein Vater, so dass der Mann uns schließlich ziehen lassen muss.

Ich habe meinen Film im Kasten!

Vater: *1956, Jurist
Sohn: *1985, Regisseur
Jahr der Szene: ca. 2003

Opas Holzwerkstatt

Als kleiner Junge verbringe ich viel Zeit in der Werkstatt meines Großvaters. Dort gibt es viel zu entdecken – die vielen Werkzeuge, das Holz und die anderen Materialien.

Mein Großvater reicht mir meist ein Stück Holz, das ich bearbeiten kann. Ich darf seine vielen Werkzeuge ausprobieren und selbständig hämmern, schleifen und sägen.

Bei einem Besuch bauen wir zusammen eine Uhr mit funktionierendem Werk. Den Ständer fertigen wir aus einer Holzplatte, die wir aussägen, schleifen und mit einem wetterfesten Lack überziehen. Als Ziffernblatt dient eine alte CD.

Zu meiner Freude steht die Uhr heute noch im Haus meiner Großeltern.

Gerne erinnere ich mich an die Kindheitserlebnisse mit meinem Großvater. Er traute mir immer viel zu. Einmal durfte ich sogar mit der Kettensäge einen Ast absägen.

Großvater: *1927, Forstwirt
Enkel: *1990, Bauplaner
Jahr der Szene: ca. 1996

Der Gewitterstuhl

Gewitter sind immer ein besonderes Ereignis. Wir ziehen dann alle Gerätestecker aus der Stromdose, aus Angst, dass der Blitz einschlägt.

Ich fürchte mich, wenn es blitzt und donnert. Schutz suche ich bei meinem Vater. Wir haben ein festes Ritual: Er sitzt auf dem Schaukelstuhl im Wohnzimmer, ich klettere auf seinen Schoß und kuschele mich an ihn.

Dabei erzählt er mir eine Geschichte und beruhigt mich, dass ich keine Angst zu haben brauche. „Es kann uns hier drinnen nix passieren“.

Bei offener Terrassentür lauschen wir dem niederprasselnden Regen und dem Donnergrollen.

Nach einer Weile finde ich Gewitter gar nicht mehr so beängstigend. Meine Neugierde ist geweckt und ich finde es spannend zusammen mit meinem Vater Gewitter zu beobachten.

Vater: *1946, kaufm. Leiter im Sozialbereich
Tochter: *1982, Pädagogin
Zeitpunkt der Geschichte: 1986/1987

Beim Uhrmacher

Mit zwölf Jahren fuhren mein Vater und ich mit dem Auto zum Uhrmacher. Dort kauft er sich eine neue wertvolle Armbanduhr.

Auf der Heimfahrt zieht er die alte Uhr aus und hält sie mir hin. „Willst Du meine alte Uhr haben“, fragt er. Ich bin nicht sonderlich begeistert. Er fragt nach, was los ist. “Ich möchte keine alte Uhr haben. Warum bekomme ich keine neue Uhr?“, erwidere ich meinem Vater.

Wortlos dreht mein Vater an der nächsten Kreuzung mit dem Auto um und fährt zurück zum Uhrmacher. Dort darf ich mir meine eigene neue Uhr aussuchen.

Ich wähle eine kleine Uhr, auch eine Tissot, wie die meines Vaters. Sie hat am Rand ein Drehrad, mit dem eine weitere Zeit eingestellt werden kann. Das schwarze Ziffernblatt schillert magisch im Sonnenlicht.

Vater: *1917, Dolmetscher und Übersetzer
Sohn: *1958, Sprach- und Kulturvermittler
Jahr der Szene: ca. 1970

Raus aus dem Alltag

Elegant gleite ich über das Eis. Das Knirschen der Kufen wird begleitet von lauter Musik, die aus großen Lautsprechern zu mir herüber schallt. Die Scheinwerfer leuchten hell.

Gemeinsam mit meinem Vater und meinem jüngeren Bruder drehe ich Runde um Runde auf der Eisfläche. Für mich ist das alles ziemlich aufregend. Die geliehenen Schuhe sind unbequem und es herrscht klirrende Kälte, dennoch fühle ich mich gut. Ich fühle mich frei.

Sonntags arbeitet meine Mutter oft in einem Restaurant, so auch heute. Mein Vater übernimmt dann die Tagesplanung. Im Winter steht Eislaufen hoch im Kurs. Er hat es mir beigebracht.

Vater: *1946, Techniker
Tochter: *1975, Erzieherin
Jahr der Szene: 1985