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Ahoi im Hausboot

Noch ein Schritt, dann habe ich es geschafft. Mit beiden Händen halte ich meine Spielfiguren fest und rette sie aus dem kalten Nass. Das Wasser reicht mir bis zu den Knien. Zusammen mit meiner Schwester und meinem Vater bringe ich die Sachen nach oben.

Wir wohnen in Köln, dicht am Rhein. Unser Keller ist überschwemmt, da der Fluss Hochwasser führt. Wir sind mit gelben Regenjacken ausgerüstet, dazu Regenhosen und Gummistiefel.

Wir sind Kapitän und Matrosen auf einem Schiff, das gerade untergeht. Alles muss in Sicherheit gebracht werden. Mit dieser Geschichte macht uns Papa die Rettungsaktion schmackhaft. Laut rufen wir: „Ahoi“. Das gemeinsame Unterfangen bereitet uns so viel Spaß, dass wir Kinder uns bald erneutes Hochwasser wünschen.

Vater: *1949, Schreiner
Sohn: *1979, stellvertretender Filialleiter im Einzelhandel
Jahr der Szene: 1983

Vertrauenssache

Mit einem lauten „Platsch“ lande ich im Wasser. Die Schönheit des ägäischen Meeres ist mir jetzt völlig egal. Angst spüre ich, und Wut. Ich bin total sauer auf meinen Vater, doch dafür ist jetzt keine Zeit. Ich muss schwimmen.

Es klappt. Nach ein paar Sekunden unbeholfenen Strampelns mache ich alles so, wie ich es zuvor mit meinem Vater geübt habe. Dort drüben am Strand hat er mich auf seinen Händen durchs Wasser getragen. Mein Papa steht bereit, um mich jederzeit zurück in das Boot zu retten, von dem aus er mich mit einem fröhlichen „Du auch!“ ins Wasser geworfen hat. Die Rettung ist nicht notwendig.

Neben mir schwimmt mein älterer Bruder, er hat ebenfalls gerade Schwimmen gelernt. Ich schaffe es sogar, mit ihm zurückzuschwimmen. Das fühlt sich toll an. Am Strand ermutigt mein Vater mich, es gleich nochmals zu versuchen. Er traut mir viel zu.

Vater: *1932, Schneider
Sohn: *1969, Dramaturg, Bildungsreferent und Erzieher
Jahr der Szene: 1979

Ein toller Hecht

Bei einem Besuch der örtlichen Badeanstalt begleiten wir unseren Vater mit seinen Krücken zum 10-Meter-Turm. An der Treppe stellt er seine Krücken ab. Er setzt sich mit dem Hintern auf den untersten Tritt und hangelt sich Stufe für Stufe rückwärts die Treppe hoch. Jugendliche drängen sich an ihm vorbei. Keiner nimmt Rücksicht darauf, dass er nur ein Bein hat. Ständig wird er beim Aufstieg geschubst und fast umgerannt. Es dauert eine Ewigkeit bis er endlich oben ist.

Schwankend hüpft mein Vater auf einem Bein die Plattform des Sprungturms nach vorne. Alle schauen! Auch mein Bruder und ich richten unsere Blicke gebannt zu meinem Vater.

Am Rand der Plattform angelangt sucht er hin und her schwankend das Gleichgewicht, stößt sich ab und springt mit einem Kopfsprung in die Tiefe.

Die zuschauenden Badegäste applaudieren.

Mein Bruder und ich sind mächtig stolz auf unseren Vater, der trotz seiner Behinderung diese Leistung vollbringt.

Uns beiden fehlt jedoch der Mut, aus einer solchen Höhe ins Wasser zu springen.

Mein Vater, ein sehr sportlicher Mann, war in seiner Jugend unter anderem Turmspringer gewesen. Nach dem Verlust eines Beines im Krieg entwickelte er sich zu einem melancholischen Menschen, der mit seinem Schicksal haderte und doch manchmal Trost darin fand, seine Mitmenschen zu unterhalten und zum Lachen zu bringen.
Vater: *1915 Postbeamter
Sohn: *1958 Leiter einer sozialen Einrichtung
Jahr der Szene: ca. 1964

Ein Fahrrad für mich

„Das Fahrrad ist ja gar nicht festgekettet. Nur das Hinterrad ist mit der Kette blockiert“, stelle ich fest. Ich denke mir: „Das darfst Du bestimmt mitnehmen!“

Mühsam schleppe ich das vor dem kleinen Kaufhaus geparkte Rad nach Hause.

„Papa, schau mal, ich habe ein Rad für mich gefunden!“, rufe ich glücklich und voller Stolz. „Endlich habe ich ein eigenes Fahrrad!“ Ich freue mich.

„Oh weh, Du hast das Rad gestohlen. Da ist ja noch eine Kette dran!“, schimpft mein Vater. „Aber es war nirgends angeschlossen“, entgegne ich. „Auch wenn es nicht irgendwo festgeschlossen ist, darf man ein Fahrrad nicht einfach so mitnehmen“, erklärt mir mein Vater. Er fordert mich auf, es zurückzubringen.

Reumütig schiebe ich das Fahrrad wieder zum Laden zurück und stelle es dort ab, wo ich es gefunden habe.
Vater: *1938, Transportmitarbeiter in einem Krankenhaus
Tochter: *1969, Erzieherin
Jahr der Szene: ca. 1976

Der verblüffte Deutschlehrer

Ich bin in der siebten Klasse der Realschule. Mein Vater ist Lehrer und sagt zu mir: „Du bist nicht gut genug in Deutsch. Wir müssen jetzt jede Woche zusammen Diktate üben.“

Bei den regelmäßigen Übungen diktiert er mir einen Text, den er kurz zuvor als Klassenarbeit in einer 9. Volksschulklasse verwendete. Nach der Korrektur stellt er verblüfft fest, dass ich in diesem Übungsdiktat weniger Fehler schrieb, als seine beste Schülerin dieser 9. Klasse.

Damit ist das Thema „Diktate üben“ vom Tisch.

Vater: *1920, Lehrer
Tochter: *1952, Pharmazeutisch technische Assistentin
Jahr der Szene: ca. 1965/1966

Wer hat den schönsten Flitzebogen?

Meine Familie fährt zum Wandern in den Thüringer Wald. Bei den vielen Ausflügen sammele ich Stöcke und schleife sie mit zur Ferienwohnung. „Wenn Du schon die ganzen Stöcke sammelst, dann machen wir die auch schön“, sagt mein Vater. Er zieht sein silbernes Taschenmesser aus der Hosentasche und schnitzt Kringel, Muster und Tierfiguren in meine gesammelten Stöcke. Stolz nehme ich die schönsten Äste als Wanderstäbe mit auf unsere Spaziergänge. Der Höhepunkt des Urlaubs ist, als mein Bruder und ich unsere eigenen Taschenmesser geschenkt bekommen. Jetzt können wir selbst, Wanderstäbe, Flitzebogen, Pfeile und Pfeifen schnitzen.

Vater: *1943, Diplom-Ingenieur Steuer und Regeltechnik
Sohn: *1975, Sportlehrer
Jahr der Szene: ca. 1985

Auf der Haupteinkaufsstraße

Und schon wieder heißt es: Stehen bleiben, Hände schütteln, Nettigkeiten austauschen. „Guten Tag, Herr Doktor, wie geht es Ihnen?“. Es scheint, als würde die ganze Stadt meinen Vater kennen. Er ist ein sehr ruhiger, aufgeschlossener und allseits geschätzter Mann, hinzu kommt noch, dass er als gebürtiger Ägypter besonders auffällt.

Meine Schwester und ich bekommen viele kleine Geschenke, wenn wir mit ihm zusammen unterwegs sind. Wir laufen die Haupteinkaufsstraße der Stadt hinunter. Für die Strecke, die ich sonst in einer halben Stunde schaffe, benötigen wir vier volle Stunden. Ich bin stolz und wünsche mir, mehr über die Welt meines Vaters zu erfahren.

Vater: *1931
Tochter: *1966
Jahr der Szene: 1975

Musik, Drogen und Orangensaft

Dong! Dong! Vater hämmert mal wieder an den Heizkörper. Damit ruft er uns sonntags immer zum Frühstückstisch. Nach einer exzessiven Disconacht will ich lieber liegenbleiben, mir die Decke über den Kopf ziehen und weiterpennen.
Folgsam schlurfe ich schlaftrunken zu Tisch und setze mich auf meinen Platz. Mit dem Kommentar: „Nimm Vitamine zu Dir, nicht immer nur Haschisch rauchen!“, stellt mir mein Vater ein Glas Orangensaft hin. Hellwach schaue ich ihn mit großen Augen an.
Zu meiner großen Verwunderung hält Vater mir keine Standpauke. Stattdessen erzählt er mir von seiner wilden Jugend mit Musik von den Rolling Stones und den Beatles – sogar dem Ausprobieren von Joints.

Vater: *1949, Diplom-Ingenieur
Tochter: *1981, wiss. Mitarbeiterin in der Bildungsforschung
Jahr der Szene: 1995

Mein Vater, ein Filou

Mein Vater war ein Filou, der gerne feierte und Streiche spielte, was für meine Mutter nicht immer ganz einfach war. So ließ er sich eines Tages im Kegelclub auf die Wette ein, eine Kutsche vor Ablauf einer Stunde eine Bergrennstrecke von 3.7 Kilometern hochzuziehen, und dies aus reiner Manneskraft.

Der Tag X kam, eine Art Volksfest. Mein Vater stand an der Startlinie, das Pferdegeschirr umgeschnallt, die Deichsel in der Hand, von einer Menschentraube angefeuert. Das Ende des Lieds: Mein Vater schaffte es tatsächlich in 58 Minuten, ein grosser Siegerkranz wurde ihm umgelegt. Und ich war voller Stolz, trotz der Wut meiner Mutter im Nacken.
Der gewonnene Wetteinsatz – 250 Liter Bier – wurde ein Jahr später im Rahmen eines Dorffestes vertrunken.

Vater: *1930, Textilkaufmann
Sohn: *1963, Sozialarbeiter
Jahr der Szene: 1971

Immer wieder samstags

Es ist halb fünf an einem Samstagmorgen. Wie jede Woche kommt mein Vater in mein Zimmer, um mich zu wecken, denn schon eine Stunde später soll ich auf dem Eis stehen. Das Eishockey-Training für die Kinder und Jugendlichen beginnt immer sehr früh, da die Halle am Wochenende komplett ausgebucht ist. Mein Vater hat eine weite Fahrt zur Arbeit und muss schon die ganze Woche wirklich zeitig aufstehen. Normalerweise ist er sehr diszipliniert und liefert mich pünktlich in voller Montur vor der Halle ab.

Aber heute ist irgendwie alles anders. Mein Vater setzt sich nach dem ersten Weckversuch an mein Bett, übermüdet legt er sich kurz darauf neben mich. Zuerst täusche ich den Schlaf nur vor, aber bald „schnarchen“ wir um die Wette. Nach dem Ausschlafen frühstücken wir ausgiebig zusammen und genießen den freien Tag. In der nächsten Woche ist wieder alles wie immer.

Vater: *1939, Banker
Sohn: *1964, Musiker
Jahr der Szene: 1978