Ein toller Hecht

Bei einem Besuch der örtlichen Badeanstalt begleiten wir unseren Vater mit seinen Krücken zum 10-Meter-Turm. An der Treppe stellt er seine Krücken ab. Er setzt sich mit dem Hintern auf den untersten Tritt und hangelt sich Stufe für Stufe rückwärts die Treppe hoch. Jugendliche drängen sich an ihm vorbei. Keiner nimmt Rücksicht darauf, dass er nur ein Bein hat. Ständig wird er beim Aufstieg geschubst und fast umgerannt. Es dauert eine Ewigkeit bis er endlich oben ist.

Schwankend hüpft mein Vater auf einem Bein die Plattform des Sprungturms nach vorne. Alle schauen! Auch mein Bruder und ich richten unsere Blicke gebannt zu meinem Vater.

Am Rand der Plattform angelangt sucht er hin und her schwankend das Gleichgewicht, stößt sich ab und springt mit einem Kopfsprung in die Tiefe.

Die zuschauenden Badegäste applaudieren.

Mein Bruder und ich sind mächtig stolz auf unseren Vater, der trotz seiner Behinderung diese Leistung vollbringt.

Uns beiden fehlt jedoch der Mut, aus einer solchen Höhe ins Wasser zu springen.

Mein Vater, ein sehr sportlicher Mann, war in seiner Jugend unter anderem Turmspringer gewesen. Nach dem Verlust eines Beines im Krieg entwickelte er sich zu einem melancholischen Menschen, der mit seinem Schicksal haderte und doch manchmal Trost darin fand, seine Mitmenschen zu unterhalten und zum Lachen zu bringen.
Vater: *1915 Postbeamter
Sohn: *1958 Leiter einer sozialen Einrichtung
Jahr der Szene: ca. 1964

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